Verleih uns Frieden gnädiglich

VERLEIH UNS FRIEDEN GNÄDIGLICH

 

Werke von Johann Hermann Schein, Jan Pieterszoon Sweelinck, Johann Schop, Samuel Scheidt, Erasmus Widmann u.a.

 

Die existenziellen Grundfragen des Lebens, mit denen sich Europa und besonders Deutschland während des Dreissigjährigen Krieges konfrontiert sahen, wurden auch in der Musik aufgegriffen und dargestellt. So ist uns aus jener Zeit ein Repertoire von unerhörter Farbigkeit überliefert, welches in seinem Reichtum an Ausdruck einzigartig ist. Positive Erfahrungen wie Hoffnung, Liebe und Lebenslust stehen neben Verzweiflung, Angst und Demut.
Das Programm des Zürcher Barockorchesters bringt dieses dialektische Lebensgefühl zwischen Hoffen und Bangen, Lebensfreude und Todesangst in den Werken deutscher und niederländischer Komponisten zum Erklingen. Die rahmenden Suiten von Johann Hermann Schein verweisen auf das barocke Hofleben, die wichtigste Sphäre für anspruchsvolle Musik neben der Kirche und der Ort, an dem über Krieg und Frieden entschieden wurde. Die kurzen Stücke aus T’Uitnement Kabinet – zwei 1646 und 1649 in Amsterdam erschienenen Bänden mit Instrumentalstücken – beschwören nicht nur scheinbar naiv die Leichtigkeit des Seins und eine quirlige Lebenslust. Vielmehr wirkt die Sammlung, die Werke und Stile aus allen Musiknationen Europas einträchtig vereint, geradezu wie ein Plädoyer für Harmonie und Frieden.
Die Lachrimae-Pavanen von Johann Schop und Jan Pieterszoon Sweelinck bedienen sich ebenso wie Samuel Scheidts Miserere – wir spielen seine eigene instrumentale Bearbeitung des ursprünglichen Vokalstücks – religiöser Motive, die aus der vorösterlichen Busszeit stammen. Doch sowohl die Klagelieder des Jeremias (von dort stammt das Tränen-Thema der auf John Dowland zurückgehenden Tradition der Lachrimae-Pavanen), als auch der um Gottes Erbarmen flehende Busspsalm wurden im 17. Jahrhundert geradezu zu Emblemen der condition humaine, der Trauer über das Elend der Welt und des Menschen, und zu Mitteln eines ausgesprochen persönlichen Empfindungsausdrucks.
Das modernste Werk im Programm, die „Canzone“ von Widmann, macht deutlich, wie stark die italienischen Einflüsse gerade in Deutschland ihre Wirkung entfalteten. Diese italienische Inspiration wird durch die Farbigkeit des Klangs und die rhetorische, oft virtuose Musiksprache in diesem Programm deutlich nachvollziehbar. Sie ist zugleich aber auch als die musikalische Utopie eines friedfertigen Miteinanders, eines spielerischen Konzertierens der Nationen mitten in einem der brutalsten Kriege der europäischen Geschichte hörbar.

Matthias Weilenmann, Melanie Wald